TSG 62/09 Weinheim - SV 98 Schwetzingen 2:0 (0:0)

TSG 62/09 Weinheim – SV 98 Schwetzingen 2:0 (0:0)

Der Meister der Herzen darf feiern

Weinheim, den 20.Mai 2017,

Originaltext aus dem Weinheimer Nachrichten vom 22. Mai 2017

Weinheim. Jubelgesänge, ausgelassene Tänze, obligatorische Bierduschen: Klar gibt es das auch, als die TSG 62/09 Weinheim die Meisterschaft in der Fußball-Verbandsliga mit einem 2:0-(0:0)-Sieg im Sepp-Herberger-Stadion gegen den SV 98 Schwetzingen nach Toren von Cihad Ilhan (46.) und Andreas Adamek (77.) am Samstag perfekt gemacht hat. Eindringlicher sind aber andere Szenen. Wenn jeder jeden mit einer innigen Umarmung herzt – ungekünstelt, aus tiefster Überzeugung, aus echter Verbundenheit. Da bleibt keiner außen vor – bis auf aktuelle Funktionsträger, von denen keiner auf dem Platz zu erblicken ist.

Mittendrin ist dafür „Edelfan“ Sascha Lohrer, der seine Wertschätzung für Spieler und Trainerteam auch in einer Kolumne im Stadionheft in kurzweilige Geschichten fasst. Anerkennend wird er von der Mannschaft in die spontane Feier kurz nach Spielende integriert. Zwischen Sascha Lohrer und dem frischgebackenen Meister wird gegeben und zurückgegeben – man nennt das auch Empathie.

„Für diese Mannschaft tut es mir richtig weh, dass es nicht gemeinsam weitergeht“, sagt Jonas Meier-Küster. Das Urgestein trat schon im Alter von zwei Jahren in die TSG Weinheim ein, spielte nie für einen anderen Verein. Am Saisonende wird er erstmals wechseln und sich wie der Großteil der Meistermannschaft einem neuen Klub anschließen. „Wir mussten in dieser Saison so viel einstecken und haben trotzdem unglaublich zusammengehalten. So eine Mannschaft kriegt man so leicht nicht noch einmal.“

Entsprechend hat sich die Mannschaft für ihre weißen Meister-T-Shirts auch etwas einfallen lassen. Auf der Rückseite stehen drei Schlaglichter: „Ohne Unterstützung“, „Gegen alle Widerstände“, „Mit 100 % Charakter“.

Eine wogende Jubeltraube

Letzteres bewies das Team erneut am Samstag gegen Schwetzingen. Nur drei Tage nach der Enttäuschung mit der verpassten Vorentscheidung im Heimspiel gegen den FC Zuzenhausen ließ sich die TSG am Ende auch nicht von einem extrem defensiv ausgerichteten Gegner und einer aus Sicht des Spitzenreiters durchwachsenen ersten Halbzeit aus dem Konzept bringen. Ex-TSG-Trainer Michael Köpper verordnete Schwetzingen eine Fünfer-Abwehrkette, wogegen die Gastgeber in den ersten 45 Minuten kein probates Mittel fanden.

Aber nur 40 Sekunden nach Beginn der zweiten Halbzeit war der Bann gebrochen. Ein Zuspiel von Oliver Malchow ins Zentrum und ein Fehler der SV-98-Abwehr gingen dem 1:0 durch Cihad Ilhan voraus – Sekunden danach bildeten alle TSG-Spieler inklusive Ersatzbank, Trainer und Betreuer eine wogende Jubeltraube, die Erleichterung über den Führungstreffer war riesig (46.). Fortan lief Weinheim nicht mehr Gefahr, die drei Punkte noch aus der Hand zu geben. Nach mehreren guten Chancen durch Andreas Adamek (50.), Andreas Lerchl (54. und 56.), Cihad Ilhan (58.), Thomas Süß (68.) und Chris Hiller (75.), dem zuvor noch ein möglicher Elfmeter verweigert wurde, machte Adamek den Deckel drauf. Der Standardspezialist traf mit einem noch abgefälschten 20-Meter-Freistoß zum 2:0 (77.). Eine Viertelstunde später startete die Party auf dem Platz.

Eine Woche lang wird gefeiert

„Das war eine sensationelle Teamleistung und die passende Reaktion auf das Mittwoch-Spiel gegen Zuzenhausen“, strahlte „TSG-Capitano“ Stefan Matthes. „Diese Truppe ist einfach megageil und wir sind nicht Schuld daran, dass es jetzt auseinandergeht.“ Sein stellvertretender Kapitän Chris Hiller gab schon mal die Losung für die nächsten Tage aus. „Wir feiern jetzt bis zum nächsten Samstag und dann holen wir uns am Sonntag im letzten Spiel in Bruchsal die Meisterschale ab.“ Hiller freute sich nicht nur über „die beste Saison aller Zeiten“, in der die TSG 62/09 mit jetzt 74 Zählern einen neuen Punkterekord aufgestellt hat. „Es gibt nichts Schöneres, als den Titel mit diesem verschworenen Haufen zu holen.“

Stellvertretend für alle lobten Patrick Geissinger und Marcel Schwöbel vor allem die Arbeit des Trainers. „Seit Dirk Jörns da war, ist was richtig Gutes zusammengewachsen“, sagte Geissinger, der selbst sieben Jahre für die TSG 62/09 spielte. „Die letzten drei Jahre haben echt Spaß gemacht, das war nicht vergleichbar mit den Jahren zuvor. Umso mehr schade ist es, dass jetzt alles vorbei ist.“

Marcel Schwöbel widmete den Titel auch seinen Eltern, die jedes Spiel ihres Sohnes, ob daheim oder auswärts, verfolgt haben, und schloss sich Patrick Geissinger an. „Mit Dirk Jörns haben wir uns von Jahr zu Jahr gesteigert. Er ist ein Supertrainer und hat richtig Qualität reingebracht.“

Auch der Gelobte selbst war sichtlich ergriffen. „Das war eine unglaublich gute Truppe mit sensationellen Fußballern und sensationellem Charakter“, sagte Dirk Jörns. „Das Wichtigste war, dass wir in unseren drei Jahren jede Menge Freude und viel Spaß hatten. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich diese Jungs trainieren durfte.“ Jörns bedankte sich auch bei seinem Co-Trainer Thomas Süß, der nicht nur viele Kontakte ermöglicht habe, sondern laut Jörns auch ein „absoluter Erfolgstyp“ sei und dies allen Spielern vorgelebt habe. Zum Gesamtbild, das sich in den vergangenen drei Jahren gebildet habe, zählte Jörns auch Betreuer Rainer Appel als „unglaublich positiven Typen“ und Physiotherapeut Adriano Windorf, der vor 2014 noch keinerlei Erfahrung im Fußballbereich gehabt habe. „Heute schwören alle auf ihn.“ Ein solches Gemeinschaftsteam-Gebilde muss bei der TSG 62/09 Weinheim nach dem großen Umbruch erst wieder wachsen. bk

TSG 62/09 Weinheim: Lentz; Süß, Geissinger, Gebhardt, Schwöbel, Malchow (86. Matthes), Lerchl, Makan, Adamek (86. Meier-Küster), Hiller (89. Cambeis), Ilhan (67. Engel).

Der Meisterkader

Marcel Lentz, 24 Jahre, Torwart, Beruf Verwaltungsangestellter, seit 1. Juli 2015 bei der TSG 62/09 Weinheim.

Nico Umscheid, 19, Torwart, Logistiker, seit 1. Januar 2016.

Timo Gebhardt, 25, Abwehrspieler, Spitzname „Gebi“, selbstständig im familiären Wäschereibetrieb, seit 1. Juli 2013.

Patrick Geissinger, 29, Abwehrspieler, „Geisse“, Standesbeamter, seit 1. Juli 2010.

Marcel Schwöbel, 24, Abwehrspieler, Controller, seit 1. Juli 2011.

Thomas Süß, 34, Abwehr- und Mittelfeld und Co-Trainer, „Süße“, Vertriebsaußendienstmitarbeiter, seit 1. Juli 2014.

Stefan Matthes, 27, Abwehr- und Mittelfeld, „Capitano“, Anlagenmechaniker, seit 1. Juli 2004.

Kai Engel, 21, Mittelfeld, „Kai Uwe“, Student, seit 1. Juli 2016.

Nils Makan, 26, Mittelfeld, „Makes“, Student, seit 1. Juli 2013.

Lukas Cambeis, 25, Mittelfeld, „Chambes“, Student, seit 1. Januar 2016.

Oliver Malchow, 26, Mittelfeld, Industriekaufmann, seit 1. Juli 2016.

Jonas Meier-Küster, 28, Mittelfeld, „Jones“, Jugend- und Heimerzieher, seit 1. Dezember 1991.

Andreas Lerchl, 25, Mittelfeld, Kfz-Meister, seit 1. Juli 2015.

Andreas Adamek, 25, Mittelfeld und Angriff, „Ada“, Automobilkaufmann, seit 1. Juli 2014.

Gregor Zimmermann, 20, Mittelfeld und Angriff, Student, seit 1. Juli 2016.

Chris Hiller, 28, Angriff, „Hilles“, Speditionskaufmann, seit 1. Juli 2012.

Cihad Ilhan, 25, Angriff, „Turco“, Versicherungskaufmann, seit 1. Juli 2015.

Kajally Njie, 21, Angriff, „Kaje“, seit 1. Juli 2016.

Thomas Krämer, 30, langzeitverletzt und Karriereende, Bürokaufmann, seit 1. Juli 2016.

Dirk Jörns, 40, Cheftrainer, „Coach“, Leiter Immobilienkunden, seit 1. Mai 2014.