In der Oberliga weht ein anderer Wind

In der Oberliga weht ein anderer Wind

Weinheim, den 12. August 2017,

Originaltext aus dem Weinheimer Nachrichten vom 14. August 2017

Weinheim. Der Aufsteiger ist in der Realität der Fußball-Oberliga angekommen. Gleich zum Saisonauftakt bekam die TSG 62/09 Weinheim einen ersten Vorgeschmack, was die junge und völlig neu formierte Mannschaft in der höchsten Spielklasse Baden-Württembergs erwartet. 210 Zuschauer sahen am Kerwesamstag im Sepp-Herberger-Stadion eine Partie mit eindeutigen Kräfteverhältnissen, in der es nur einen Sieger geben konnte – den Bahlinger SC. Die Südbadener präsentierten sich vor allem bis zum Seitenwechsel in allen Belangen überlegen, setzten sich am Ende hochverdient mit 4:1 (3:0) durch.

„In der ersten Halbzeit haben wir eine Lehrstunde erhalten“, bekannte TSG-Trainer Christian Schmitt. „Da haben wir gesehen, was es bedeutet, in der Oberliga spielen zu dürfen.“ Die Gastgeber waren zur Pause mit dem 0:3-Rückstand noch gut bedient. Immerhin legten die Weinheimer in der zweiten Halbzeit den Respekt ein wenig ab und gestalteten die Partie offener. Das lag indes auch daran, dass Bahlingen mit der sicheren Führung im Rücken deutlich an Tempo rausnahm.

„Die TSG hat in der zweiten Halbzeit Moral gezeigt, gut gepresst und uns nicht mehr so in den Rhythmus kommen lassen“, zollte BSC-Trainer Alfons Higl dem Aufsteiger dennoch Respekt. Zugleich wehrte der Ex-Profi, der unter anderem von 1989 bis 1995 beim 1. FC Köln spielte und als Co-Trainer 2007 mit dem VfB Stuttgart deutscher Meister wurde, Versuche ab, die Bahlinger zum Titelfavoriten zu erklären. „Da haben andere Mannschaften viel mehr investiert als wir“, sagte Higl. Klar ist, dass der BSC zu den etabliertesten Oberligisten gehört – und solche Gegner können für Weinheim (noch) kein Gradmesser sein.

Die „andere Auswechselbank“

Dass sich bei der TSG 62/09 zur neuen Saison praktisch alles verändert hat, zeigte sich am Samstag schon vor dem Anstoß. Die Weinheimer nahmen von der Haupttribüne aus gesehen die linke Auswechselbank in Beschlag, die rechte blieb den Gästen vorbehalten – seit Menschengedenken war das anders herum. Und von ihrer neuen Sitzposition mussten die TSG-Verantwortlichen an der Seitenlinie zunächst erkennen, dass ihr Team in der Oberliga noch viel hinzuzulernen hat – da halfen auch die sehr lautstarken Anweisungen von Co-Trainer Deniz Yetkin nichts.

Bahlingen machte von Beginn an das Spiel, ließ Ball und Gegner laufen, während die TSG-Spieler stets hinterherrannten und auch nicht in die Zweikämpfe fanden. Nach zwei guten Chancen für BSC-Stürmer Felix Higl (9. und 10.), der einmal am klasse reagierenden TSG-Torhüter Nicolas Köpper scheiterte, stellte die Mannschaft vom Kaiserstuhl nach einer Viertelstunde die Weichen. Bei einer langen Flanke von Yannick Häringer hatte Fabian Spiegler im TSG-Strafraum zu viel Platz und erzielte per Direktabnahme das 0:1 (15.). Nur eine Minute später klärte TSG-Verteidiger Clement Glässer in höchster Not gegen Serhat Ilhan. Dann zog Spiegler aus gut 20 Metern beherzt ab und der Ball schlug unhaltbar links oben zum 0:2 ein (18.).

Eine bittere Szene ereignete sich in der 23. Minute. Der Weinheimer Yunus Güder und Dennis Bührer prallten im Mittelkreis mit den Köpfen zusammen. Während Güder noch bis zur Pause weiterspielte, musste der Bahlinger mit einer Platzwunde früh ausgewechselt und mit der Ambulanz ins Krankenhaus gebracht werden.

Anschließend war der Spielfluss auch beim BSC dahin. Erst kurz vor der Pause nahm die Partie wieder Fahrt auf, wobei die TSG zu ihrer ersten Möglichkeit durch A-Jugend-Spieler Marvin Kaul kam (45.+1). Dessen Schuss wurde zur Ecke geblockt und dann zahlte Weinheim nochmals kräftig Lehrgeld. Aus der Ecke für die TSG entwickelte sich ein zügiger Konter der Bahlinger über Luca Köbele und Spiegler, den Higl zum 0:3 abschloss (45.+2).

Zu Beginn der zweiten Halbzeit hätte erneut Spiegler den Vorsprung ausbauen können, TSG-Torwart Köpper und Kapitän Tolga Karlidag verhinderten mit vereinten Kräften das 0:4 (50.). Dann strich ein 17-Meter-Schuss von Häringer knapp übers Weinheimer Gehäuse (57.). Nach einer Stunde fand die TSG besser in die Partie und verzeichnete durch Kai Engel die erste richtig gute Torchance (68.). In Bedrängnis geriet der BSC aber nicht, wofür der eingewechselte Mirco Barella mit dem 0:4 sorgte (78.). Ein schlecht gespielter Rückpass von BSC-Verteidiger Vincent Keller zu seinem Torwart Jerome Reisacher führte noch zum ersten Oberliga-Treffer der TSG 62/09. Yigzaw Tesfagaber, der zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde und für deutlich mehr Druck nach vorne sorgte, sprintete dazwischen und erzielte den 1:4-Endstand (82.).

„Wir haben sehr viele junge Spieler, die nicht erwartet haben, dass es in der Oberliga so zur Sache geht“, nahm TSG-Kapitän Karlidag seine Mannschaft in Schutz. „Aber ich glaube an die Jungs, die viel Potenzial haben. Viele sagen ja, das wird mit der TSG in dieser Saison nichts. Wir haben den Ehrgeiz zu beweisen, dass wir den Klassenerhalt schaffen können und wollen damit ein Ausrufezeichen setzen.“

Bilder zum Spiel: