Führung verpasst und ein Platzverweis

Führung verpasst und ein Platzverweis

Weinheim, den 02.September 2017,

Originaltext aus dem Weinheimer Nachrichten vom 04.September 2017

Weinheim. Das Küsschen für die Oma war letztlich doch nicht der erhoffte Glücksbringer auf dem Weg zum ersten Saisonsieg. Im Duell Vorletzter gegen Letzter musste sich die TSG 62/09 Weinheim am Samstag in der Fußball-Oberliga dem SV Spielberg mit 1:2 (1:1) geschlagen geben. Während die Gäste zusammen mit ihren zahlreich mitgereisten Fans unter den 265 Zuschauern im Sepp-Herberger-Stadion ihre ersten Saisonpunkte euphorisch feierten und die „rote Laterne“ wieder an Weinheim weiterreichten, ärgerten sich die TSG-Spieler über eine zu passive zweite Halbzeit, in der sie das Spiel aus der Hand gaben.

Bis zum Seitenwechsel besaßen die Gastgeber die besseren Möglichkeiten gegen einen sichtbar verunsicherten Gegner nach dessen Saisonfehlstart mit vier Niederlagen. „Wir müssen unsere Chancen besser verwerten und einfach mal in Führung gehen. Dann läuft das Spiel vielleicht ganz anders“, sagte TSG-Spieler Kai Engel nach der Partie. „Die Niederlage gegen Spielberg war auf jeden Fall ärgerlich. Aber immerhin haben wir gegen eine Mannschaft mitgehalten, die vor zwei Jahren noch in der Regionalliga spielte. Viele haben doch erwartet, dass wir in der Oberliga völlig chancenlos sind“, gab sich der einzig verbliebene TSG-Spieler aus dem letztjährigen Stammkader der Verbandsliga-Meistermannschaft kämpferisch.

Das Spiel begann recht hektisch, wobei die Weinheimer Mannschaft praktisch jeden Lautstärke-Wettbewerb gewonnen hätte. Fast schon übereifrig versuchte jeder, seinem Mitspieler verbal etwas mit auf den Weg zu geben. Der Pegel übertönte sogar die Motorengeräusche der historischen Flugzeuge, die vom nahen Flugtag des LSV Weinheim kommend am Himmel über das Sepp-Herberger-Stadion hinweg zogen. Für mehr Ordnung sorgten die vielen Zurufe zunächst aber nicht. Spielberg kam gleich mit der ersten Chance des Spiels zum 0:1, als Phil Weimer im TSG-Strafraum zu viel Platz hatte und eine Flanke per Flugkopfball versenkte (8.).

Nach dem frühen Rückstand wurde es ruhiger auf dem Platz und die Weinheimer fanden zunehmend besser ins Spiel. Abdullah Köse vergab nach Vorarbeit von Ylli Cermjani und Yigzaw Tesfagaber die erste gute Möglichkeit für die TSG (11.). Zwei Minuten später verfehlte ein 20-Meter-Schuss von Cermjani knapp sein Ziel. Von Spielberg kam bis zur Pause im Spiel nach vorne nichts mehr und die Abwehr der Gäste offenbarte einige Schwächen bei schnellen Zuspielen der Weinheimer in die Spitze.

Solch ein Pass in die Tiefe leitete auch die schönste Szene des Spiels ein: Yannick Schneider schickte den erneut agilen TSG-Stürmer Tesfagaber auf die Reise, der seine Schnelligkeit ausspielte und mit einem feinen Lupfer über SVS-Torwart Matthias Moritz hinweg zum 1:1 traf (26.). Nach seinem Tor sprintete Yigzaw Tesfagaber schnurstracks auf die Gegengerade im Sepp-Herberger-Stadion, wo sein Vater und seine Großmutter unter der Anzeigetafel sitzend mitfieberten. Sprössling Yigzaw widmete das Tor seiner Oma, die derzeit aus Eritrea zu Besuch ist, und drückte ihr einen herzhaften Kuss auf die Wange.

Und beinahe hätte die Familie Tesfagaber kurz vor der Pause noch einmal jubeln dürfen. Als Ramzy Yahaya den Ball zu Yannick Schneider ablegte, fackelte der nicht lange und zog gleich ab. Mit einem Reflex wehrte Spielbergs Schlussmann Moritz den Schuss gerade noch zur Ecke ab (44.). Eine Weinheimer Führung wäre zu diesem Zeitpunkt verdient gewesen.

„In der ersten Halbzeit hatten wir Probleme, wenn die TSG schnell in die Spitze spielte, da hat bei uns die Absicherung gefehlt“, räumte SVS-Trainer Peter Hogen ein. „Wir haben in der Pause besprochen, dass wir mehr kombinieren müssen. Und dann hatten wir in der zweiten Halbzeit auch unsere Chancen. Ich hoffe, der Sieg gegen eine aufopferungsvoll kämpfende TSG ist für uns jetzt ein Neustart.“

Nach dem Seitenwechsel fanden die Weinheimer, bei denen der jüngste Zugang Georgios Roumeliotis in der Schlussphase noch zu einem Kurzeinsatz kam, keinen Zugriff mehr und gerieten mehr und mehr unter Druck. „Da haben wir uns den Schneid abkaufen lassen“, bedauerte TSG-Trainer Christian Schmitt.

Auf der anderen Seite zeigte Spielberg allerdings wenig Effektivität vor dem Tor. Jonas Daum (50.) und Claus Bückle (62.) vergaben ihre Chancen leichtfertig, danach brannte es noch dreimal lichterloh im TSG-Strafraum (66., 70. und 72.). Zu allem Überfluss aus Sicht der Gastgeber sah der erst zehn Minuten zuvor eingewechselte Yunus Güder nach einem heftigeren Foul unweit der Mittellinie gleich die Rote Karte (83.).

In Überzahl kam Spielberg noch zum Siegtreffer, der sich über lange Zeit angedeutet hatte. Der eingewechselte Alexander Zimmermann traf zum entscheidenden 1:2 (89.), nachdem er vier Minuten zuvor noch eine sehr gute Kopfballchance vergeben hatte. In der Nachspielzeit hatten die Gäste gegen die komplett aufgerückte TSG-Mannschaft noch eine Riesenkonterchance durch Dominic Riedel (90.+2). Das war’s dann – und die TSG musste ohne Punkte vom Platz, auch sehr zum Bedauern von Großmutter Tesfagaber.

TSG 62/09 Weinheim: Yetkin; Königsmann, Bunjaku, Karlidag, Yahaya, Goudar (62. Glässer), Y. Schneider (80. Roumeliotis), Engel, Cermjani (73. Güder), Köse, Tesfagaber (71. Njie).

Tore: 0:1 Weimer (8.), 1:1 Tesfagaber (26.), 1:2 Zimmermann (89.).

Besondere Vorkommnisse: Rote Karte Güder (TSG, 83.).

Zuschauer: 265.

Bilder zum Spiel: