Disput zweier Mitspieler bleibt haften

Disput zweier Mitspieler bleibt haften

Spielberg 10.März 2018

SV Spielberg – TSG 62/09 Weinheim  1:0 (1:0)

Originaltext aus den Weinheimer Nachrichten vom 12. März 2018

Spielberg. Im Bechtle-Stadion des SV Spielberg ist die 87. Minute angebrochen. Die TSG 62/09 Weinheim setzt den Gastgeber immer mehr unter Druck, schnuppert nach dem frühen 0:1-Rückstand aus der 18. Minute am Ausgleich und spielt in der Schlussphase alles oder nichts. Nach Georgios Roumeliotis wird in einem jetzt spannenden Duell in der Fußball-Oberliga auch der zweite Innenverteidiger der TSG, Kapitän Tolga Karlidag, nach vorne beordert. Weinheim agiert nun praktisch mit fünf Stürmern. Und tatsächlich bekommen die am Ende ihrer Kräfte angekommenen Spielberger in der Abwehr nicht mehr alle Lücken geschlossen.

90. Minute: Karlidag steht völlig ungedeckt an der Sechzehnmeterlinie, bekommt den Ball und dringt in den Strafraum der Gastgeber ein. Der 27-Jährige hat freie Schussbahn, schließt aus halblinker Position aus 14 Metern ab – der Ball geht aber am langen Pfosten vorbei. Es bleibt beim 1:0 für Spielberg, Weinheim kassiert im 21. Saisonspiel die 18. Niederlage.

Unmittelbar nach der vergebenen Chance von Karlidag ereignet sich jedoch die Szene des Spiels, die haften bleibt. Ausgerechnet seinem Verteidiger-Kollegen Roumeliotis gehen verbal die Gäule durch. Er blafft Karlidag sekundenlang lautstark an, kann es nicht fassen, dass die große Chance zu einem Punktgewinn vergeben worden ist. Dann reagiert auch Karlidag auf die von einem Mitspieler an ihn gerichteten Vorwürfe. Derweil kriegt sich Roumeliotis nicht ein, schimpft weiter – schließlich muss ihn Kai Engel beruhigen und wegziehen, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

„Das ist aus den Emotionen heraus passiert“, sagt später TSG-Trainer Christian Schmitt. Karlidag will das Ganze nicht einfach wegstecken. „Einen Brüller kann man ja rauslassen. Aber dass ein Mitspieler einen anderen derart anmotzt, geht nicht“, sagt der Kapitän. „In jedem Training, in jedem Spiel spreche ich an, dass wir als ein geschlossenes Team auftreten müssen.“ Dass er die größte Chance zum Ausgleich vergeben hat, weiß Karlidag. „Aber ich bin kein Stürmer, ich habe versucht, das Beste zu machen. Wenn der Ball reingeht, ist es für uns wie ein Sieg. Es ist so im Abstiegskampf, da fehlt einfach auch das Glück.“

Auf einer Wellenlänge lag der Kapitän mit seinem Trainer in der anschließenden Spielanalyse. „Die erste Halbzeit war von uns enttäuschend“, sagte Christian Schmitt. „In einem Spiel, in dem es für uns um viel geht, um noch einmal in Reichweite zu kommen, haben wir uns nach den ersten zehn Minuten den Schneid abkaufen lassen und die erste Halbzeit hergeschenkt. Deshalb haben wir unter dem Strich nicht mehr verdient, auch wenn wir in der zweiten Halbzeit alles probiert haben und die Einstellung dann gestimmt hat.“ Ähnlich ordnete es Tolga Karlidag ein. „Wir waren einfach zu passiv und zu spät in den Zweikämpfen. Da haben wir gegen einen Gegner, der keinesfalls besser war, zu wenig Willen gezeigt.“

Das traf auf fast die komplette erste Halbzeit zu. Nach ersten Chancen der Gastgeber durch deren Winter-Zugänge Nico Charrier (8.) und Jimmy Marton (10.), der an TSG-Torwart Levent Cetin scheiterte, ließ das 1:0 folgerichtig nicht lange auf sich warten. Nach einer Ecke von Philipp Leimenstoll stieg der mit nach vorne aufgerückte SVS-Innenverteidiger Stefan Müller am kurzen Pfosten unbedrängt in die Höhe und köpfte ein (18.).

In der Folge kontrollierte Spielberg problemlos das Geschehen. Bis zur Pause kam von Weinheim im Spiel nach vorne gar nichts, keiner war in der Lage das Spiel zu ordnen. Nur zwei harmlose Torabschlüsse und keine nennenswerte Chance standen nach 45 Minuten zu Buche.

Mit der Hereinnahme der beiden frischen Offensivkräfte Yigzaw Tesfagaber und Ramzy Yahaya zur zweiten Halbzeit änderte sich das schlagartig. Fortan war es eine offene Partie. Warum er Tesfagaber nicht von Anfang an gebracht habe, begründete Trainer Schmitt damit, dass der erfolgreichste Saisontorschütze der TSG unter der Woche aus familiären und beruflichen Gründen nicht trainieren konnte. Jedenfalls brachte „Gisi“ zusammen mit Yahaya im zweiten Durchgang viel mehr Power in den Weinheimer Angriff. Die TSG begann die zweite Halbzeit mit einer Eckenserie, wobei Karlidag schon eine erste Kopfballchance besaß (52.). Spielberg offenbarte nun übersehbare Schwächen, wenn die Mannschaft unter Druck gesetzt wird.

Auf der Gegenseite ging die TSG nun viel mehr Risiko, war dadurch aber anfällig für Konter. So hätten Keven Feger, der gegen TSG-Schlussmann Cetin den Kürzeren zog (55.), und Charrier für den SVS erhöhen können (66.). Doch auch der Ausgleich lag mehrmals in der Luft. SVS-Torwart Mathias Moritz lenkte einen Kopfball des ebenfalls eingewechselten Ylli Cermjani nach toller Vorarbeit von Tesfagaber gerade noch um den Pfosten (67.). Dann zirkelte Tesfagaber einen Schuss vom linken Strafraumeck haarscharf am rechten Torwinkel vorbei (71.). Fünf Minuten später legte sich Tesfagaber den Ball etwas zu weit gegenüber SVS-Torhüter Moritz vor. Noch einmal hätte Manuel Hasel für Spielberg alles klarmachen können (82.), ehe die Gastgeber der Ziellinie nur noch entgegen schwankten. Die TSG warf alles nach vorne, der Lohn blieb aus – Karlidag vergab die letzte Chance.

Dass nach den vielen Negativergebnissen auch mal Frust aufkommen kann, ist verständlich. Aber die Weinheimer müssen jetzt aufpassen, dass kein Riss durch die Mannschaft geht, die Atmosphäre nicht vergiftet wird. Das wäre schlimmer als jeder sportliche Abstieg. bk

TSG 62/09 Weinheim: Cetin; Königsmann, Roumeliotis, Karlidag, Meis (62. Cermjani), Köse (46. Yahaya), Goudar (78. O. Gärtner), Keller, Engel, Calhanoglu, Y. Schneider (46. Tesfagaber).

Bilder zum Spiel:

http://www.tsg6209weinheim.de/leistungsmannschaften/1-mannschaft/bildergalerie-1-mannschaft/