Fussballer der Woche: Im Schatten des großen Bruders

Fussballer der Woche: Im Schatten des großen Bruders

Muhammed Calhanoglu hofft nach seinem Kreuzbandriss darauf, bei der TSG 62/09 Weinheim fußballerisch wieder Fuß zu fassen

Originaltext aus den Weinheimer Nachrichten vom 13. März 2019

Weinheim. „Es fühlt sich einfach gut an, wieder auf dem Platz zu stehen“, sagt der Mann mit dem bekannten Namen, der jetzt erst mal wieder in der Heimat Fuß fassen möchte. Am Samstag feierte Muhammed Calhanoglu sein Startelf-Comeback in einem Ligaspiel für die TSG 62/09 Weinheim. Beim 3:1-Erfolg im Verbandsliga-Auftritt gegen den TSV Wieblingen reichte die Kraft für gut 80 Minuten, in denen der jüngere Bruder von Hakan Calhanoglu schon wieder viele spielerische Impulse ins TSG-Spiel einbringen konnte.

Es geht wieder bergauf für den 23-Jährigen, der vor gut elf Monaten einen ganz bitteren Moment in seiner Fußballerlaufbahn erlebte: Anfang April 2018 zog er sich im Nachholspiel der Weinheimer gegen die Reserve von Astoria Walldorf einen Kreuzbandriss zu – nach nur sechs Oberliga-Einsätzen für den späteren Absteiger war für „Mo“ an Fußball erst mal nicht mehr zu denken.

Dabei war der in Mannheim geborene Deutsch-Türke vor allem aus diesem Grund gerade wieder von einem anderthalbjährigen Aufenthalt in der Türkei nach Deutschland zurückgekehrt. „Dort gab es neben dem Platz ein paar Probleme. Daher entschied ich mich, erst mal wieder nach Hause zurückzukommen – um einfach wieder unbeschwert Fußball zu spielen und bei der Familie zu sein“, erläutert Calhanoglu. Die Verletzung machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Krankenakte verhindert Größeres

Es war bereits sein zweiter Kreuzbandriss. Den ersten hatte er zu Zeiten beim Karlsruher SC erlitten, wohin er 2009 als Jugendlicher mit seinem Bruder von Waldhof Mannheim aus gewechselt war. Damals war es das linke, nun das rechte Knie. Seine „Krankenakte“ sei auch entscheidend dafür, dass er nicht jenen Weg einschlagen konnte, den der jetzt für den großen AC Mailand spielende Hakan gegangen ist. „Ich habe früher immer mit meinem Bruder zusammengespielt – und anfangs gab es da auch kaum einen Unterschied“, sagt Mo Calhanoglu, der ergänzt: „Ich bin sehr stolz auf meinen Bruder. Natürlich war es auch mein Traum, bei einem großen Club zu spielen. Leider stand meine Verletzungsanfälligkeit irgendwie immer dazwischen.“

Hakan dagegen blieb von größeren Verletzungen verschont – allerdings musste auch der 39-fache türkische Nationalspieler bekanntlich eine Zwangspause einlegen, bevor er im Sommer 2017 für über 20 Millionen Euro von Bayer Leverkusen nach Mailand wechselte. Der 25-Jährige war im Februar 2017 für vier Monate gesperrt worden, weil er 2011 als Minderjähriger auf Drängen seines Vaters einen Vorvertrag beim türkischen Traditionsclub Trabzonspor unterzeichnet hatte. Der kam letztlich nie zustande, ging für Hakan Calhanoglu ob der im Hintergrund schwelenden Klage des türkischen Clubs aber mit einer langen Hängepartie und der bitteren Auszeit einher.

Es war daher sicher auch eine Art Genugtuung, dass der jüngere Bruder auf dem Platz eine persönliche Antwort parat hatte: Im Dezember 2016 bekam es Muhammed in Diensten des türkischen Drittligisten Gümüshanespor in der Vorrunde des türkischen Pokals mit Trabzonspor zu tun – und legte mit seinem Freistoßtor aus gut 35 Metern die Basis, dass der Außenseiter das Gastspiel am Schwarzen Meer sensationell mit 2:1 gewann und den sechsfachen türkischen Meister letztlich aus dem Pokal kegelte. „Das erste Jahr in der Türkei war sehr gut. Wir kamen im Pokal unter die Top-16 und standen im Playoff-Finale um den Aufstieg. Das Freistoßtor gegen Trabzon war natürlich ein Highlight“, sagt Calhanoglu. So ganz habe er die Hoffnung, doch mal im Profibereich Fuß zu fassen, nicht aufgegeben: „Mal abwarten, ob da noch was passiert. Für mich geht es jetzt erst mal darum, nach dem Kreuzbandriss wieder richtig fit zu werden.“ Das vergangene Verbandsligaspiel war ein erster wichtiger Schritt in diese Richtung – jetzt sollen im Dress der TSG 62/09 Weinheim weitere folgen. dbe

Zur Person

Nach seinem Kreuzbandriss haben sich die Schwerpunkte bei Muhammed Calhanoglu inzwischen verlagert: Der 23-jährige Mannheimer ist mittlerweile Betriebsleiter des Calhanoglu-Fußballzentrums, das unlängst in Mannheim eröffnet wurde. „Das ist einerseits durchaus stressig, wird aber sehr gut angenommen“, sagt „Mo“.

Mit seinem bekannten Bruder Hakan, der seit 2017 für den großen AC Mailand in der Serie A aufläuft, steht Muhammed in ständigem Kontakt: „Es ist schwierig für ihn, mal nach Mannheim zu kommen. Zuletzt war er wegen der Geburt seines Kindes da. Aber wir schreiben und telefonieren so gut wie jeden Tag.“

Natürlich hat Muhammed bereits einige Partien seines Bruders im Mailänder Dress live verfolgt: „Das Derby gegen Inter, wenn das San Siro ausverkauft ist, geht schon richtig unter die Haut. Und es macht mich unendlich stolz, meinen Bruder dort auf dem Platz zu sehen.“