Ein Zeichen der Zeit

Ein Zeichen der Zeit

Die TSG 62/09 vereinbart mit ihren Trainern, Betreuern und Spielern einen rückwirkenden Gehaltsverzicht und will sich zukünftig noch mehr „verweinheimern“

Originaltext aus den Weinheimer Nachrichten vom 23.05.2020 von Anja Treiber

Weinheim. Die Fußballer im Amateurbereich wissen derzeit nicht, wohin ihre Reise gehen wird. Über die Saison 2019/20 entscheiden die Delegierten beim außerordentlichen Verbandstag am 20. Juni. Welche Etats in der Runde 20/21 zur Verfügung stehen, wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen. Und das erschwert die Personalplanungen natürlich immens.

Doch trotz der sportlichen Zwangspause ist bei den Fußballern der TSG 62/09 Weinheim ordentlich Bewegung. Schon im Januar stand fest, dass der 42-jährige Senegalese Seydou Sy Verbandsliga-Trainer Christian Schmitt beerben wird. Der hatte sich selbst eine Fußballpause verordnet. Dass die nun so lange wird, war damals nicht zu ahnen. Dass Schmitt bei der Zusammenstellung der Weinheimer Mannschaft offenbar vieles richtig gemacht hat, allerdings schon.

Leistungsträger bleiben

Denn aus dem Kader haben Kapitän Kristijan Vidakovic, Yannick Schneider, Marius Schmid, Noureddin Goudar, Marko Smiljanic, Dominik Knauer, Nick Huller, Luigi Crisafulli, Tolga Karlidag und Jonas Can samt Torhüter Johannes Halbig bereits ihre Zusage für die kommende Runde gegeben. Und das unter besonderen Voraussetzungen: Ab dem 1. April rückwirkend und bis einschließlich Ende August verzichten sie auf Zahlungen jeglicher Art. Genau wie die Trainerduos der ersten und zweiten Mannschaft. Die TSG 62/09 hat beschlossen, in diesem Zeitraum nichts auszuzahlen. „Alle müssen sich darauf einrichten, dass die vor Corona getroffenen Zusagen in diesem Jahr nicht eingehalten werden können“, heißt es in einem Schreiben der Fußball-Abteilungsleitung.

Endres wird U23-Trainer

„Ich bin zutiefst beeindruckt von der Arbeit von Christian Schmitt, der die richtigen Spieler nach Weinheim geholt hat. Dass wir jetzt so planen können, ist sein Verdienst“, sagt Abteilungsleiter Darko Vucic, der weitere Weichen gestellt hat. Denn die zweite Mannschaft der TSG 62/09 bekommt ein neues Gesicht. Vom aktuellen Kader werden nicht viele Spieler bleiben, denn die in die Aktivität ausrückenden A-Junioren sollen das Gros der Mannschaft bilden.

Der bisherige A-Jugend-Coach Oliver Endres wird künftig Trainer der U23 und löst damit das Trainerduo Volkan Erdinc und Volkan Koc ab. „Wir wollen künftig, vor allem in der zweiten Mannschaft, verstärkt auf die Spieler setzen, die wir selbst ausgebildet haben“, sagt Vucic. Und Endres ergänzt: „Weinheim hat eine tolle Jugendarbeit und deshalb war es mir sehr wichtig, dass sich der Verein für diese Philosophie entschieden hat.“

Den 43-Jährigen zog es der Liebe wegen aus dem Hessischen nach Balzenbach, wo er mit seiner Freundin hobbymäßig einen Bauernhof bewirtschaftet. Im hauptamtlichen Berufsleben der ehemalige Verbandsliga-Spieler Immobilienmakler und fußballbegeistert. „Zunächst einmal bin ich in Weinheim bei der AH gelandet. Und weil ich bereits bei Darmstadt 98 schon etliche Jugendteams trainiert hatte, kam die TSG dann bezüglich des Traineramts auf mich zu.“ Der Mannschaft stehe ein großer Umbruch bevor.

„Von der A-Jugend-Landesliga in die A-Klasse ist aber ein machbarer Schritt.“ Dass er, wie auch sein Co-Trainer Terim Tütüncü den Sparkurs mitgehen, ist für ihn genauso eine Selbstverständlichkeit wie für Erstmannschafts-Co Jochen Ingelmann und Cheftrainer Seydou Sy. „Weinheim ist mir in meinen fünf Jahren hier ans Herz gewachsen und natürlich erkläre ich mich mit dem Verein solidarisch“, sagt Sy. „Wenn wir das von unseren Jungs erwarten, müssen wir mit gutem Beispiel vorangehen.“

Vucic: Geldfluss nicht absehbar

Darko Vucic und seine inzwischen sieben Mitstreiter in der Abteilungsführung sind jedenfalls begeistert. „Die finanzielle Situation ist, wie bei vielen Vereinen, katastrophal. Die derzeitigen Einnahmen der Abteilung sind um fast 90 Prozent eingebrochen. Wir planen mit 20 Prozent weniger Sponsoreneinnahmen für die kommende Saison. Dahingehend ist es ein Zeichen der Wertschätzung, dass die Jungs sagen, sie wollen in Weinheim guten Fußball spielen und nicht vorrangig Geld verdienen“, sagt Vucic. Schließlich sei auch nach dem 31. August nicht absehbar, ob überhaupt gespielt werden dürfe und könne. Und das sei die Voraussetzung dafür, dass wieder Gelder in Trainer und Mannschaft flössen.

Umso bemerkenswerter ist, dass Seydou Sy schon vier externe Zusagen für die kommende Runde vorliegen. Der ehemalige Oberliga-Spieler freut sich über einen weiteren Torwart, zwei offensive und einen Mittelfeldspieler. „Namen können wir derzeit noch nicht nennen. Insgesamt sind wir in die Spieler-Gespräche mit mulmigem Gefühl gegangen, wurden aber fast durchweg positiv überrascht.“ Der ehemalige Defensivspieler, der bereits beim FK Pirmasens, Wormatia Worms und dem FSV Oggersheim spielte und Bauleiter von Beruf ist, freut sich auch darauf, eigenen Spielern im Verbandsliga-Team eine Chance zu geben. „Aus der zweiten Mannschaft kann sich der eine oder andere zeigen. Und mit Tim Wilkening kommt einer zurück, der seit den Bambini in Weinheim gespielt hat. Das muss unser Ziel sein. Wir sind finanziell in der Region nicht die großen Player.“ Die TSG 62/09 setzt auf ihre blau-weiße DNA. Da kommt die Nachricht, dass der Sportliche Leiter Peter Laudenklos sein Engagement unbefristet verlängert hat, gerade recht.