Dem „Chef“ hätte das nicht gefallen

Dem „Chef“ hätte das nicht gefallen

TSG 62/09 Weinheim muss sich in einem schwachen Verbandsliga-Derby dem SV Waldhof II mit 0:3 (0:1) geschlagen geben / Disput zwischen den Trainern

Originaltext aus den Weinheimer Nachrichten vom 28.03.2022

Weinheim. Während eine Delegation mit hochrangigen DFB-Vertretern in Hohensachsen der Trainer-Legende Sepp Herberger und dessen 125. Geburtstag gedachte, hätte in den nach ihm benannten Stadion in Weinheims Weststadt zeitgleich das perfekte sportliche Begleitprogramm steigen können. Schließlich standen sich ausgerechnet an diesem Tag die TSG 62/09 Weinheim und die  U 23 des SV Waldhof in der Fußball-Verbandsliga gegenüber. Ein Derby, das dem „Chef“ von der Konstellation her sicher große Freude bereitet hätte. Mit Blick auf das Geschehen am Samstagnachmittag wäre der Spaß aber wohl in recht engen Grenzen geblieben.

Einzig die für Weinheimer Verhältnisse ordentliche Kulisse von rund 250 Zuschauern hätte für das berühmte, verschmitzte Lächeln auf Herbergers Gesicht sorgen können. Ansonsten gab es wenig Anlass, eine gute Miene aufzusetzen. Der Zustand des Naturrasenplatzes trieb nicht nur einem Mann wie dem einstigen Weltmeister-Trainer Tränen in die Augen. Das Spiel fand deshalb nicht in angemessener Atmosphäre vor der Haupttribüne, sondern auf dem kleinen Kunstrasenplatz statt. Zudem bewegte sich das sportliche Niveau der Begegnung auf sehr überschaubarem Niveau. Und am Rande kam es auch noch zu Animositäten zwischen beiden Vereinen, die Herberger ganz bestimmt nicht gefallen hätten.

Die TSG 62/09 kassierte nach einem insgesamt enttäuschenden Nachbarschaftsduell eine 0:3-(0:1)-Niederlage, wobei dem SV Waldhof II eine durchschnittliche Leistung gegen über weite Phasen kraft- und ideenlos wirkende Gastgeber zum Sieg reichte. Der SVW trat spritziger, zielstrebiger und handlungsschneller auf. Das engagierte Pressing zu Beginn führte folgerichtig zum 0:1 durch Jann Germies gegen eine unkoordinierte TSG-Defensive (16.).

Noch einmal sorgte eine Schussmöglichkeit für den aufgerückten Außenverteidiger Marc Lutz für Gefahr vor dem Weinheimer Gehäuse (18.). Darüber hinaus gab es in einer chancenarmen ersten Halbzeit so gut wie keine Höhepunkte. Bei einer Kontergelegenheit für Weinheim vertändelte Nazmi Bulut den Ball (21). Die einzig wirkliche Chance vor dem Seitenwechsel besaß die TSG quasi mit dem Pausenpfiff. Den ersten guten Spielzug und die Vorarbeit von Gregor Zimmermann setzte Yannick Marx an die Querlatte (45.).

„Wir haben uns wieder schwergetan und nach vorne keine Lösungen gefunden“, bekannte Jochen Ingelmann. Die zweite Halbzeit bezeichnete der TSG-Trainer dann als „wild. Wir haben keinen Zugriff bekommen, die Ruhe verloren und wurden für unsere zu hohe Fehlerquote bestraft.“ Allerdings verwies Ingelmann auch auf die weiterhin fehlenden Leistungsträger und den mangelnden Fitnesszustand seiner Mannschaft. „Wir können die verletzten Spieler und die Folgen der Corona-Erkrankungen derzeit nicht kompensieren. Spieler wie Gaetano Giordano sind maximal bei 40 Prozent, Luigi Crisafulli und Jonas Can noch sehr schnell platt.“

So hatten die Waldhöfer in der zweiten Halbzeit leichtes Spiel. Der flinke Shinhyung Lee sorgte mit einem starken Antritt und präzisem Abschluss aus halbrechter Position ins lange Eck mit dem 0:2 für die Vorentscheidung (61.). Auch mit einem Mann mehr fiel der TSG nach der gelb-roten Karte für Volkan Rona (66.) nichts ein. Zumal auch die Weinheimer noch dezimiert wurden. David Keller sah nur zwölf Minuten nach seiner Einwechslung ebenfalls die gelb-rote Karte (78.). Beim zehn gegen zehn war die Gegenwehr der Gastgeber erloschen. Nachdem TSG-Torhüter Johannes Halbig zunächst noch gegen Lutz rettete, machte Nils Anhölcher im zweiten Versuch mit dem 0:3 den Deckel drauf (84.).

Dazwischen war es an der Seitenlinie zu einem heftigeren Disput zwischen den Bänken der TSG und dem SVW gekommen, nachdem Jochen Ingelmann nach eigener Aussage „aus Versehen“ eine Trinkflasche in Richtung SVW-Bank befördert hatte. „Das war wirklich keine Absicht und kein Grund, so komplett durchzudrehen“, echauffierte sich der TSG-Trainer zudem über das verbale Verhalten der Waldhöfer. „SVW-Trainer Nico Seegert hat gesagt, das ist kein Derby – die TSG Weinheim ist dafür zu klein. Das halte ich für eine erschreckende Arroganz“, zürnte Ingelmann. Und auch Sepp Herberger hätte so etwas gewiss nicht goutiert. bk

TSG 62/09 Weinheim: Halbig; Crisafulli, Geissinger, Smiljanic (79. Lorenzo Berenjeno), Zimmermann, Knauer, Goudar, Can (66. Keller), Giordano (59. Krohne), Marx, Bulut (59. Hoock).

Tore: 0:1 Germies (16.), 0:2 Lee (61.), 0:3 Anhölcher (84.).

Besondere Vorkommnisse: Gelb-rote Karten für Rona (SVW, 66.) und Keller (TSG, 78.).

Zuschauer: 250.

Bilder zum Spiel: https://www.tsg6209weinheim.de/leistungsmannschaften/1-mannschaft/bildergalerie-1-mannschaft/